Fünf + Drei mit Jörg Heikhaus

Jörg Heikhaus ist eine Koryphäe in Deutschland – seine in Hamburg beheimatete Galerie heliumcowboy artspace ist sowohl für Künstler als auch für Liebhaber ein kleines Mekka, seine Vita ist so vielseitig wie beeindruckend. Der ehemalige (und im Herzen gebliebene) Kölner tanzt seit jeher auf mehreren Hochzeiten, Monothematik und Einseitigkeit sind sein Ding wohl nicht. Graffiti Artist, Fotograf, Zeitungsredakteur, Kurzgeschichtenautor, Gründer der Designagentur KillaKanu, Gründer der Galerie heliumcowboy artspace und und und… Ab 22. August erweitert sich diese Vita dann noch mal um ein kleines Kapitel, denn Jörg Heikhaus ist eines der Jurymitglieder für den Themenbereich Streetart im Rahmen der Artrmx Cologne.

Diesen Anlass haben wir genutzt um ihm ein paar Fragen zu jüngerer Kunst, Streetart und “Szene” zu stellen. Sehr interessant – weiterlesen empfohlen…

Freut es Sie als ehemaliger Kölner, dass mit der Artrmx Cologne etwas frischer Wind in die Kölner Szene kommt?

Ich bin ja nun seit 10 Jahren raus aus meiner Heimat, aber Köln wird für mich immer die beste Stadt Deutschlands bleiben, auch wenn ich mich in Hamburg sehr wohl fühle. Das bekommt man als gebürtiger Kölner vielleicht nie raus. Deshalb freut es mich natürlich zu sehen, dass eine Stadt wie Köln, die früher einmal die wohl wichtigste Kunst-Stadt Deutschlands war und zuletzt doch arg gelitten hat aus einer jungen Szene heraus wieder etwas mehr in den Mittelpunkt rückt.

Wie wichtig sind Festivals dieser Art für die ausstellenden Künstler?

Festivals dieser Art sind wichtig für junge Künstler, weil sie eine Plattform bieten, die einfach größere Wellen schlägt und mehr Aufmerksamkeit erreichen kann als viele kleine Ausstellungen. Die kleinen Ausstellungen sind aber unerlässlich, um sich als Künstler zu erproben und zu entwickeln. Man braucht immer beides – eine starke lokale Kunstszene mit vielen jungen Galerien und Off-Spaces, und ein Festival wie Artrmx um auch mal das „big picture“ abzulichten.

Was ist für Sie Streetart?

Was ist denn Streetart überhaupt? Zuallererst ist es doch nur ein bequemes Label geworden. Für mich ist all das, was sich seit Jahren (Jahrzehnten!) auf der Straße entwickelt, ein ganz wichtiger zeitgenössischer Beitrag zur Kunst, der so vielschichtig ist und so viele Positionen und Richtungen kennt, dass es nicht einfach nur einen Namen tragen kann. Aber ich benutze den Begriff natürlich auch oft, vielleicht weil man so zumindest im Ansatz einen international verständlichen gemeinsamen Nenner findet. Aber zur Erklärung oder zur Bestimmung eines Künstlers ist „streetart“ zu wenig. Ein Künstler definiert sich ja nicht über die Zugehörigkeit zu einer Szene, sondern durch ein sehr individuelles und starkes Werk.

Immer häufiger verlässt die „Kunst die Strasse“ und findet sich in der Werbung, auf T-Shirts oder an Storefassaden wieder. Ist das ein gutes Marketing für die Kunst oder ein Verrat an ihren Wurzeln?

Die Entscheidung, eine Karriere als Künstler einzuschlagen, ist sehr mutig und risikoreich. Also ist es wichtig, dass man zumindest in den Anfängen auch ohne Bildverkäufe und Galerie Geld verdienen kann, damit man sich in aller Ruhe entwickeln und am eigenen Werk arbeiten kann. Wenn man das mit T-Shirts oder Werbeaufträgen machen kann, ist das doch viel besser, als in der Kneipe den Tresen zu machen oder Taxi zu fahren. Klar springen da im Augenblick fast alle Marketingabteilungen und Werbeagenturen auf den gleichen Zug und es entsteht auch unglaublich viel Schrott. Aber keine Angst – das ist ein Trend in der Werbung, der geht auch vorbei, und solange sollte man sich für junge Künstler freuen, dass sie diese Möglichkeiten haben. Manchmal muss man halt die Augen zumachen. Und es passt natürlich nicht für jeden.

Wie wichtig sind Gallionsfiguren wie Kaws, Banksy oder Boris Hoppek für die Entwicklung der Streetartszene?

Sie zeigen, was möglich ist. Ihre Individualität, ihre Hartnäckigkeit, mit der sie an ihrer Kunst arbeiten, unterstreicht, dass wir nicht einen Trend abliefern, sondern dass hier eine nachhaltig wirksame und bedeutungsvolle Kunstrichtung entstanden ist, die auch nach dem Hype ihre feste Rolle in der Gegenwartskunst spielen wird. Im Augenblick wird doch mehr diskutiert, ob Boris Hoppek für Opel Puppen designen darf, oder ob eine alte Häuserwand mit einem Banksy drauf hunderttausende Pfund wert ist, anstatt sich mal wirklich mit dem Werk zu befassen. Und dabei stellt ein Sammler wie Rik Reinking zur gleichen Zeit großartige Museumsausstellungen in ganz Europa auf die Beine, die das wahre Potential dieser jungen Künstlergeneration einem großen Publikum auf extrem hohem Niveau näher bringen. Wir sind doch eigentlich schon viel weiter als das, worüber die Medien heute noch immer am liebsten und oft recht ahnungslos berichten. Sonst würde es ja auch keine Galerie heliumcowboy artspace mehr geben, und wir würden nicht in Miami, New York, London, Basel mit unseren Künstlern bei den so genannten „seriösen“ Sammlern und Kunstinteressierten so einschlagen.

Als Jurymitglied kommen Sie nicht umhin die Werke der teilnehmenden Künstler zu bewerten. Was ist Ihnen bei Ihrer Bewertung besonders wichtig? Wie objektiv kann man bei so einer Bewertung überhaupt sein?

Wenn man Kunst objektiv bewerten könnte, dann könnte man sie auch im Schuhgeschäft verkaufen. Kunst ist doch nie rational, und wer bitte definiert die Parameter für „gute“ Kunst? Mir geht es darum, wie eigenständig, frisch, neu etwas ist – oder bleibt. Ob ein Künstler auch ein echter Geschichtenerzähler ist. Und wie gut sie/er das auch umsetzen kann. Ein guter Künstler lässt mich nicht mehr los.

Welche Projekte stehen bei Ihnen in naher Zukunft in Haus, worauf darf man sich freuen?

Wir haben gerade eben unsere 5 Jahre heliumcowboy artspace Ausstellung eröffnet, in einem entkernten, runtergerissenen ehemaligen Kino, auf fast 1.400 Quadratmetern, mit 30 Künstlern aus aller Welt. Zur Vernissage kamen weit über 1.000 Besucher. Das ist das Wichtigste, was wir je gemacht haben und auch das Größte. Ich hoffe, dass diese Ausstellung, die noch bis zum 15. August zu sehen sein wird, deutlich macht, wo unsere Kunst und unsere Künstler heute eigentlich schon stehen, welche Rolle sie und die Galerie in der zeitgenössischen Kunst inzwischen spielen. Und danach geht es weiter, bald auch in neuen Räumen in Hamburg und vermutlich auch einem weiteren Standort in Europa, und wie immer mit harter Arbeit an einem ungewöhnlichen Programm, dass wir hier vom heliumcowboy artspace mit all unserer Leidenschaft und Kraft in der aktuellen Kunstlandschaft präsentieren.

Hassen Sie vielleicht Interviews und werden Sie nie das gefragt, was Sie eigentlich erzählen möchten? – Wenn ja, tun Sie es letzteres jetzt bitte.

Wenn der Galerist nicht erzählen will, dann hat er den Beruf verfehlt. An der ganzen wackeligen Diskussion rund um Streetart & Co sieht man ja, dass es noch viel zu erzählen gibt. Aber am Ende zählt trotzdem immer das Werk. Also nicht nur blogs lesen, sondern auch in Ausstellungen gehen!

Schön gesagt. Dem schliessen wir uns an und möchten hiermit allen Lesern noch einmal die ARTrmx (1,2) ans Herz legen, ist ja nicht mehr lange hin. Mehr zu dem Thema in Kürze hier bei Ahjaa.

http://www.heliumcowboy.com
http://www.artrmx.de

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2 Kommentare bisher

RSS Feed (Kommentare) | TrackBack 'Fünf + Drei mit Jörg Heikhaus .

  1. Takashi Murakami - Kanye West Video » Ahjaa | 26. August 2008 um 20:09 Uhr

    [...] heißt im Gegensatz zu vielen Anderen aber im Einklang mit z.B. den jüngst von uns Interviewten Jörg Heikhaus die Vermarktung von Kunst mehr als nur willkommen, denn durch den kommerziellen Erfolg, so hofft [...]

  2. [...] Wer so gar nicht in dem Thema Streetart drinsteckt, der kann sich, quasi als Vorbereitung, das Interview von Jörg Heikhaus (Heliumcowboy Gallery)  mal anschauen, der wie ich finde eine sehr gesunde und sympathische [...]

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